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Baden-Baden 11.07.2007
by Linus
Als mich ein Kumpel auf dieses außergewöhnliche Ereignis aufmerksam machte, durchfuhr es mich wie ein Blitz. Gotthard unplugged beim ehemaligen
„Oldie Sender“ SWR 1. Ich war fasziniert und hatte gleich so was wie ein Déjà-vu-Erlebnis. Kannte man das nicht von anderen Größen wie den Scorpions oder Metallica? Nur dass die meinten, sie müssten noch mit großem
Orchester hantieren, um die ganze Sache wichtig und pompös erscheinen zu lassen. Glücklicherweise hatte ich schon Erfahrung mit echten unplugged Gigs von Rockern. Wer sie noch kennt – die Nachfolgeformation von
Trance (Loser, Break The Chains) gab zuletzt wiederholt solche Konzerte und konnten voll überzeugen.
So machte ich mich direkt an den Erwerb der dünn gesäten Tickets (nur ca. 150 Stück im Verkauf) und hatte Glück. Einem erlebnisreichen Gig stand nichts mehr im Wege. Ich war gespannt…
Zurücklehnen und genießen war angesagt; dass das nur teilweise klappte und die ganze Performance dann zeitweise doch zur Party ausartete, lag einerseits am begeisterungsfähigen Publikum,
andererseits an der Songauswahl, welche teilweise die Partystimmung regelrecht heraufbeschwor.
Sehr spannend war auch die Frage, wie das Problem mit den kurzen markant eingestreuten Gitarrenriffs für die unsere Heros bekannt sind, gelöst werden würde. Oder wie sich Marc ohne die
elektrische Unterstützung aus der Affäre ziehen würde. Immerhin hat er als treibender Basser eine gewisse Verantwortung für das unvergleichliche Live-Feeling. Die eventuell vorhandenen Ängste waren jedoch in jeder
Hinsicht unbegründet. Marc konnte sich nicht zur akustischen Variante durchringen und zupfte wie gewohnt seinen E-Bass. Und das war gut so, da das den Songs mehr Groove verlieh. Augenfällig war nur das Fehlen der
gewaltigen Verstärker und die beiden akustischen Klampfen von Freddy und Leo. Das allein genügte, zusammen mit veränderten Arrangements, um den Songs ein ganz eigenes Flair zu verleihen. Im Gegenzug durfte sich
Nicolo über mehr „Arbeit“ freuen, da er in der Hauptsache die fehlenden Breaks und Soli der beiden Gitarren gekonnt, aber dezent überspielte, während Freddy und Leo diese Passagen vornehmlich mit begleitenden
Rhythmuseinlagen überbrückten.
Die ganze Sache klang natürlich wie erwartet ganz anders als bei den gewohnten schweißtreibenden Konzertpartys. Alle gebotenen Stücke versprühten aber ihren ganz eigenen Charme, nicht
schlechter als das Gewohnte, aber in ganz anderer Richtung.
Songs wie Falling und One Life One Soul waren am Set keine wirkliche Überraschung, da diese bei anderen Konzerten bereits in dieser Form dargeboten wurden. Die neue Single The Call kann man sich wohl auch recht gut „ohne Strom“ vorstellen. Einen ansonsten Smasher vor dem Herrn (Come alive)
allerdings in einem solchen Kleid zu präsentieren, das bedarf doch erstens einer Portion Mut und zweitens einer Menge Können. Ihr ahnt es bereits – die Jungs haben das perfekt hingekriegt - die Menge tobte. Hier bot
Steve Kostproben seiner Ausbildung als Drummer. Wie auch zum Beispiel bei Hush bediente er in gekonnter Manier die Bongos und lieferte sich schöne Duelle mit Hena. Der wiederum lies sich auf keine Kompromisse ein und bearbeitete seine Schießbude in gewohnter souveräner Art und Weise.
Weiterhin super war die Aufnahme lange nicht mehr gehörter Songs wie Out of my own und Sweet little Rock’n Roller in die Setlist - nicht zum Nachteil des Gesamtkonzepts. Das hatte was Exklusives.
Wie meist, hat jede Medaille natürlich zwei Seiten. So hätten Mountain Mama oder auch Let It Be die „elektrische Unterstützung“ wahrlich gut getan. Meiner Meinung nach hätte Eagle wegen seines Grooves und der bestimmt gut zu verarbeitenden Harmonien noch sehr gut dazugepasst. Ansonsten war der Gig jedoch über jegliche negative Kritik erhaben.
Alles in allem ein gelungener Versuch, vielleicht die Radiopräsenz etwas erhöhen zu können. Denn diese Versionen sind absolut on Air tauglich - auch für Nicht-Rocker.
Fazit:
Gotthard wusste – wie schon so oft – die Massen zu begeistern. Wer jedoch immer noch alleine den G Zeiten nachtrauert und einseitig auf die Hard n Heavy Schiene abfährt, der ist
bei dieser Art von Performance fehl am Platz. Außerdem hat er die Philosophie „unserer“ Jungs nicht verstanden. Rockmusik, und dazu gehören nun mal auch Balladen, in feinster Form und vor allen Dingen
abwechslungsreich und trotzdem super gut zu zelebrieren.
Pflichttermin:
Das Konzert wird von SWR 1 am 27.7.2007 ab 22.30 Uhr in der Sendung Kopfhörer ausgestrahlt. Wer’s verpasst, hat echt was verpasst!
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